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Sonntag

04.07. - 21.11.2010, 15:04 - 17:00 Uhr

Gustav Mahler; Foto: rbb/Archiv

GUSTAV MAHLER - ZUCHTMEISTER UND SCHMERZENSMANN

Eine Sendereihe zum 150. Geburtstag in 20 Folgen von Otto Brusatti

Das Radio vermag heute, wovon Spitzenmusiker vor 100 Jahren nur träumten. Gustav Mahler etwa hätte zur Wiedergabe seiner Ideen wohl gern Riesenlautsprecher, Digitaltechnik und spontane Musikverfügbarkeit auch in Dutzenden an Vergleichsaufnahmen gehabt. Er komponierte seine Monsterdramen, genannt Sinfonien und Liederzyklen, noch für Orchester und Stimmen in herkömmlicher Ausführung, modern gesagt: analog.

Mahlers Vermächtnis ist
trotz der ungemein vielen und aufwendigen Produktionen, trotz eines Riesenschrifttums über ihn und seine Musik gar kein gesicherter Bestand. Mahler ist jemand, der nur 51 Jahre alt wurde, der einen Teil der Musikwelt niedergerissen hat und in den Ruinen Baustellen errichtete. Er ist einer, der gegen sich selbst immer brutaler und zugleich weinerlicher wurde. Eine kompositorische Explosion und Implosion zugleich. Die permanent angezettelte Revolution am Konzertdirigentenpult und im Operngraben.

Als Mensch suchend, vor allem Weggabelungen suchend. Als Mann ein homme à femmes von Graden und schließlich auf Sonderwegen. Eine Höchstbegabung und doch kein Wunderkind, ein Dirigenten-Jungstar, dann der innovativste Wiener Operndirektor bis heute und ein Pultmagier, der diese Künstlerspezies erst wirklich begründet hat. Schließlich ein europäischer Musikbegriff, bald Mentor und Feind, ein Alpha-Tier per se, nie aus dem Schwärmen herausgekommen, versteckt staunend.

Er sah sich kompositorisch
als Endpunkt in der nun schon 800-jährigen Erfolgsgeschichte namens europäische Tonalität. Zugleich aber empfand er sich als Neuformulierer für das, was man mit Musik sonst noch alles so anstellen kann. Er war konservativ und ein selbst ernannter, selbst sich so einschätzender Weiterführer der Wiener Klassik und der Wiener Romantik.

Er hat mit Klangballungen, mit Fernorchestern, mit neu definierten Großformen experimentiert. Er hat im Lied von der Erde den Exotismus auf seine Weise formuliert, in den frühen Sinfonien riesige Literaturbögen unsprachlich vertont, in seiner Achten die Grenzen von Massenmusik neu definiert oder in der Neunten / Zehnten sich vor der Atonalität hinpositioniert. Mahler verkomponierte zugleich aber immer auch sein eigenes Leben, die Eindrücke seiner Jugend, die Liebe, Familiär-Privates.

Er formulierte Bekenntnismusik und harschen Gotteszweifel am Schluss. Aber er setzte auch seine Lektüre in Töne, diejenige der Dramen, aus Epen gezogen, die des Knaben Wunderhorn, der Gedichte Friedrich Rückerts, des Zarathustra von Friedrich Wilhelm Nietzsche oder des Faust von Johann Wolfgang von Goethe.

In 20 Sendungen über Mahler,
den "Zuchtmeister und Schmerzensmann", folgen wir chronologisch seinem Leben. Jeweils eine Sinfonie, aber auch Das Klagende Lied und das Lied von der Erde, werden im Mittelpunkt stehen, beschrieben und mit Musik aus der Zeit verglichen werden.
Otto Brusatti

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